Schiet‘ up oder be gentle to yourself

Ja, ich lebe noch, sogar ziemlich gut- von einen Füßen mal abgesehen – und habe mittlerweile Tempel 26 erreicht… Geflogen? Nein, ganz sicher nicht, aber mich zu einem Entschluss durchgerungen. 24-26 km am Tag sind genug. Bei 26-29 Grad und einer extrem hohen Luftfeuchtigkeit ist das in etwa so, als wenn ihr 8 Stunden mit 5kg Gepäck auf einem Laufband, das auf Steigung steht, in der Sauna verbringt.

Ich bin zwar auf der Suche nach dem Ikigai, aber ich habe festgestellt, dass es überhaupt keinen Sinn macht mich dabei zu stressen, denn dann kann ich nicht loslassen um Raum für etwas Neues zu geben. Also habe ich mit mir einen Deal gemacht: Bus und Bahn (und Bergbahnen, davon gleich mehr) ist vollkommen okay, wenn es dazu dient zum Aufstieg des nächsten Tempel oder zur nächsten Unterkunft zu kommen. Am Ende ist es auch Urlaub und will als solcher auch genossen werden. Und ob ich in den 7 Wochen 1000 oder 1200 km laufe… mal ehrlich, wen interessiert es?

Höhenangst Ahoi!

Vor vielen Jahren als ich das letzte Mal in Japan war, war ich auf Kyushu wandern. Im Reiseführer stand sinngemäß „leichte Tour“. Man hätte dazuschreiben sollen, dass der Reiseführer einer führenden englischen Reisebuchmarke, wohl von Extremalpinisten geschrieben worden war. Wie dem auch sei, ich stand plötzlich auf einem Bergkamm und konnte zunächst keinen Weg runter finden. Nun, einen Weg gab es auch nicht, nur ein Seil, an dem man sich runterlassen musste. Ich leide unter Höhenangst und das war mit das Schlimmste, was ich je machen musste, weshalb ich mich leichtsinnig entschloß 2km Umweg zu laufen und die „Tairyuji Ropeway“ zu nehmen, statt mich einer weiteren Prüfung mit einer Steigung von 27% an diesem Tag zu unterziehen. Was könnte schlimmer sein als „THE ROPE“

Wenn die Götter strafen wollen…

Zunächst fühlet ich mich belohnt an einem Fluß fast ohne Verkehr wegen einer Baustelle entlangzulaufen. Und dann kam bei all der Hitze auch noch Wind auf und ich war glücklich.

Bis ich an der Seilbahn ankam und sah, wie weit sie hochging und mir klar wurde, dass es windete…

Rauf und Runter oder wie der Japaner sagt „ofuku“ kostet eigentlich eine Stange Geld, aber der Kassierer war so freundlich und hat mir nur den Kinderpreis abgenommen „Osettai“, wieder einmal. Es überwältigt mich jedesmal und ich freue mich wie ein kleines Kind, was wiederum den Gebenden freut. Eine echte win-win-situation.

Also rein in die Gondel und den Blick starr nach oben gerichtet, denn zu meinen Füssen konnte man rausschauen, durch ein Gitter und dass die Gondel sehr schwach besetzt war, half bei dem Wind nicht wirklich. Ich mache es kurz. Auf der Rückreise saß ich 10 Minuten mit geschlossenen Augen und starr durchgedrücktem Rücken in der Mitte der Gondel und fragte mich, warum ich vergessen hatte den Fallschirm einzupacken.

Aber für all die Mühen wurde ich mit einem tollen Abendbrot und einer interessanten Unterhaltung belohnt.

Nihongo jozu gibt es immer noch

Tatsächlich scheint die von mir vermutet Propaganda aus Tokyo in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele nächstes Jahr nicht bis in die Provinz gereicht zu haben und gleichzeitig gehen einem die Leute hier nicht mit ihrem gebrochenen Englisch auf die Nerven, sondern halten einfach einen gepflegten Klönschnack mit einem, wenn sie merken, dass man sie versteht und antworten kann und zu meiner Überraschung fallen mir plötzlich Worte ein, die ich in Deutschland nie zur Verfügung gehabt hätte. Sprache hat etwas mit dem Umfeld und der Gewohnheit zu tun, so viel steht fest.

Dieses neue Vertrauen in meine Sprachkenntnisse, dass ich aufgegeben habe perfekt zu sein (arghhhh ganz andere Thema) & dem erwähnten Loslassen hat mir heute ein tolles Mittagessen und ein wunderbare Gespräch ermöglicht.

Montags in der Japanischen Provinz ist wie Sonntag im Schwabenland

Geschäfte sind einfach nicht geöffnet. Die meisten nicht und die kleinen Restaurants und Cafés auch nicht. Ich hatte zu spät dran gedacht und die Gelegenheit ausgelassen mir in einem der vielen convenient stores ein oder zwei Kleinigkeiten zu essen mitzunehmen. Schließlich gab ich resigniert auf und dachte: „Na gut, dann eben erst heute Abend was zu essen“ und lief die kleine Seitenstraße entlang, als ich plötzlich ein offenes Küchenfenster sah und einen Tisch und Tresen. ich nutze die Chance und fragte, ob sie Lunch zubereiten würden und wie vom Himmel geschickt war die Antwort ja.

Bitte stellt euch vor, dass ich ja nun nicht sehr groß bin und ein 34 Liter Rucksack auch nicht, aber wenn ihr in einen Raum geht und dann das Gefühl habt, dass alles viel zu klein ist, könnt ihr euch vorstellen, wie sehr ich mich, mit meiner Ungeschicklichkeit dann auch noch immer wie ein potentieller Elefant im Porzellanladen fühle. Es fasziniert mich immer wieder wie winzig alles ist.

Das Essen war leicht und göttlich und das Gespräch interessant. In den letzten zwei Tagen waren mir auf dem Weg kontinuierlich die Schilder aufgefallen, die vor Tsunamis warnen, die Höhe des Ortes wo man sich befindet angeben und Fluchtwege ins Landesinnere, bzw. auf den Berg, der ja direkt hinter dem Haus anfängt aufzeigt. Ich hatte mich gewundert, weil ich mich nicht entsinne solche Schilder je in Japan gesehen zu haben, aber mein Gegenüber sagte, das seit dem Erdbeben 2011 sich viel in der Wahrnehmung der Gefahr und möglichen Maßnahmen getan hätte. Trotzdem bin ich heute ein Gutteil des Weges mit der inneren Frage gegangen: „Was wenn?“

Es gäbe noch vieles anderes zu schreiben. über die Tempel, die wunderbareren schattigen Wege durch Bambushaine, auch wenn es schon mal steil bergauf geht. Dass ich Tunnel zu schätzen gelernt habe, insbesondere bei sengender Hitze und das es – Gott sei Dank – noch keine Regenzeit gib.

Aber dafür ist ja noch fast 6 Wochen Zeit.


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