Osettai

In Osaka anzukommen, war, als hätte sich nichts verändert. Die Ankunftshalle ist überschaubar und hat alles was man braucht: Geldautomaten, saubere Toiletten, den Abholcounter für meine SIM Karte und den Ausgang zum Bus und einen Starbucks für meinen ersten Macha-Frappuccino. Früher, als es sie in Deutschland noch nicht gab, war da immer mein Ankunftsritual. Und ich muss feststellen, sie schmecken hier besser, weil es weniger Zucker und mehr Macha ist….

Wir sind fast eine halbe Stunde früher gelandet als geplant und am Immigration-Schalter war nix los. Ich glaube so schnell bin ich noch nie in ein Nicht-EU eingereist, deshalb konnte ich alles in Ruhe machen und trotzdem viel früher fahren als gedacht.

Doch, da war was anders und ich brauchte einen Moment…

…um zu verstehen was es war. Normalerweise, wenn man in Japan als gaijin, als Menschen von draußen, Japanisch spricht brachen immer alle in ein unglaubliches Ahhhh und Ohhh aus “Nihongo jozu!” Was soviel bedeutet wie: “Oh, Sie sprechen aber hervorragend Japanisch” und eigentlich nichts weiter war als: “Du wirst unsere Sprache nie sprechen!”

Statt dessen kam nichts… also gar nichts. Ich bekam was ich wollte, ein Indiz dafür, dass mein Japanisch nicht ganz weg ist, aber es machte mich sprachlos und zunächst irritierte es mich maßlos. Gab es eine geheime Kampagne des Bildungs- und Tourismus Ministeriums, das es ganz normal sein kann, dass Ausländer Japanisch sprechen können?

Ich werde es weiter im Blick haben.

Gut vorbereitet ist halb gelaufen

Seit meiner Jakobswegerfahrung ist mir klar, die ersten Tage müssen materialtechnisch und von der Wegplanung halbwegs organisiert sein, damit man sich darauf konzentrieren kann, sein Tempo zu finden, sonst wird es chaotisch.

Durch die extra gewonnene Zeit konnte ich mir bequem noch meinen Hut, meine Jacke, mein Stempelbuch, Namenszettel, Weihrauch und Kerzen besorgen. Sozusagen das Starterpaket für den Pilgereinsteiger. Und der Hut hat mir heute echt den Arsch gerettet, aber davon später mehr.

Die Unterkunft war zauberhaft und wie es der “Zufall” wollte traf ich zwei Deutsche, die gerade die Umrundung hinter sich gebracht hatten, mich verrückt finden, weil ich jetzt erst los gehe (da habe sie tatsächlich nicht unrecht) und fasziniert waren, dass mein Rucksack nur 4,5 kg wiegt. Naja mit dem ganzen Gedöns jetzt vermutlich 5. Dreimal Jakobsweg tut was für einen, wenn es um Gepäck und Effizienz geht.

Und dann ging es los…der Jetlack… total übermüdet versuchte ich einzuschlafen und mein Biorhythmus hat sich schlapp gelacht. Als ich dann endlich einschlafen konnte, musste ich aufstehen. Aber das dauert jetzt vielleicht noch zwei Tage und alles ist gut.

Fünf-Finger-Schuhe an und los

Mein Ziel war es heute 7 Tempel zu machen. Entspannte 20 km, für den ersten Tag genau das Richtige.

Und trotz des leichten Nieselregens war ich insgesamt sehr optimistisch, zwischendurch könnte ich sogar die Sonnencreme rausholen…die Betonung liegt auf zwischendurch…

Was macht man also wenn man in so einen Tempel geht?

In meinem Fall, denn seien wir ehrlich, ich bin keine Buddhistin, folge ich so gut es geht dem üblichen Ritual und wasche mir am Eingang die Hände. Das gehört einfach zum guten Ton. Normalerweise gibt es zwei Hallen, vor denen man dann 3 Räucherstäbchen und eine Kerze anzündet, einen Namenszettel mit einem Wunsch in eine Box steckt, einen kleinen Obolus spendet, dann die Glocke läutet und beginnt Sutren zu rezitieren. Für mich ist das allerdings nur eine, aus keinem besonderen Grund, einfach, weil ich sie interessant finde: Die Herzsutra.

Als christlich geprägter Europäer denkt man wahrscheinlich direkt an Nächstenliebe und Mitgefühl, aber das ist es nicht. In einer der kleinen Schriften für uns gaijins wird es beschrieben mit:

There is nothing immortal in this world. Everything is just a provisional figure in this world. Therefore, there is no need to cling to things more than necessary. Let’s recite. To live happily without strain.

Alleine Sutren zu rezitieren ist ätzend, zumindest für mich. Ich muss mich noch viel zu sehr auf das Lesen konzentrieren und komme ständig aus dem Rhythmus. Deshalb habe ich mich heute ein paar mal an Pilgergruppen rangehängt und mit ihnen rezitiert und dann wird es nach und nach zu einem Fluss, der einer Meditation gleicht und das tut gut.

Danach holt man sich noch seinen Stempel im Pilgerbüro ab und seien wir ehrlich, they rock!

So etwa bis Tempel 5 (10x Weihrauch, 10x Kerze, 10x Sutra….) war das Wetter echt ok, aber dann kam der Regen und die Blitze und die Donner und ich dachte jetzt wäre es Zeit für eine kleine Arche, oder zumindest ein Schlauchboot…. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Regen auf einmal gesehen, während ich draußen war!

Meine Rettung: ein offenes Carport. Da wollte ich erstmal abwarten, weil ich dachte das geht schnell. Denkste! Ca nach 30 min kam dann die Besitzerin des Hauses, war ganz überrascht und mich dort sitzen zu sehen und bot mir einen Transfer zum nächsten Tempel an.

Dilemma-Detektor

Ich hätte jetzt stur sein können und sagen: “Hach, nein Danke, das ist nicht nötig, ich bin doch ein Fusspilgerer…” Aber ich habe keine 2 Sekunden gezögert, mit 49 kennt man seine Grenzen. Ab in das hässliche Honda-Raumwunder und auf zum nächsten Tempel. Ohne Hut wäre das wohl nicht passiert, denn er identifiziert einen Pilger direkt.

Diese wunderbare Geste eines wildfremden Menschen, einem Pilger zu helfen nennt man Osettai und es kommt in vielen Formen und Farben.

Ab Tempel 6 wurde es dann wieder trocken und die letzten knapp 2 km zu meiner Übernachtungsstätte überschaubar.

Zu guter letzt gab es dann noch ein traditionelles japanisches Abendessen und ein Stück Torte, weil jemand gerade seine hundertste(!) Pilgerreise um Shikoku beendet hat.

Hier noch ein paar Eindrücke:

P.S.: auf dem Mini IPad zu schreiben birgt Herausforderungen und ich bitte euch Fehler zu verzeihen, wo ich sie finde korrigiere ich sie.


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