Warum Gestank mich demütig und dankbar macht

Heute in der U8, nicht in irgendeiner Berliner U-Bahn. Die U8 ist etwas besonderes, eine Reise durch die Kulturen Berlins und seine Untiefen.

Vor einiger Zeit bezeichnete einer meiner Kollegen die U8 als den “Ebola-Train” und das war natürlich nicht politisch korrekt, aber wer mit ihr zur Stoßzeit des Berliner Verkehrs schon mal gefahren ist, der kann es zumindest nachvollziehen.

Wie wohl kaum eine andere U-Bahn in Berlin ist sie international. Von Neuköln (Bandenkriege) über Kreuzberg (Drogen & Kunst), am Alexanderplatz vorbei, streift sie die Szeneviertel von Mitte mit der Weinmeisterstraße und der Rosenthaler, bis sie Unmengen von Touristen an der historischen Bernauerstraße ausspuckt und dann sich dem Wedding (Istanbul & Rote Socken) entgegen schlängelt und irgendwann in Wittenau nach einem kurzen Halt an Bonny’s Ranch (Bonhoeffer Nervenkliniken) ihren Endpunkt findet.

Würde man an einem normalen Tag jeden Fahrgast nach seiner Nationalität oder Ursprungsland befragen, könnte man wahrscheinlich bis zu 100 der knapp 200 Staaten dieser Welt abdecken.

Die U8 beherbergt aber auch wie kaum eine andere U-Bahn in Berlin die Verlorenen dieser Stadt, die Verirrten und Verwirrten, die Menschen, die nicht mehr wissen wo sie hingehören oder nicht mehr “dazugehören” können. Menschen, die etwas erlebt haben, dass sie anders sein lässt. Wenn man regelmäßig mit ihnen in der U8 reist, kennt man sie. Sie haben Namen und Gesichter und geben sich für eine Station preis, auch wenn sie nicht viel sagen, man muss nur genau hinhören.

Heute in der U8. Es ist Sommer geworden in Berlin und die Hitze fast nicht zu ertragen. Als sie an der Weinmeisterstraße anhält, stinkt es plötzlich, wie ich es noch nie erlebt habe. Urin, alter abgestandener Urin und Dreck. Die Art von Dreck, die ein Mensch entwickelt, wenn er sich lange, sehr lange nicht wäscht.

Die erste Reaktion aller im Zug: “Wo kommt das her???!!”. Manche bewegen sich von der Geruchsquelle weg, andere aber versuchen dezent den Ärmel vor das Gesicht zu halten. Aber niemand kommentiert es, jedenfalls nicht laut. Der Mensch der dort sitzt, ist einer dieser Verlorenen und egal was jeder in seinem Kopf denken mag, er gehört dazu.

Er ist es, der mich Demut und Dankbarkeit empfinden lässt. Demut, dass ich ein Leben führen darf, dass es mir ermöglicht mich zu entscheiden wie ich leben möchte, Dankbarkeit dafür, dass es Menschen in meinem Leben gibt, die mir geholfen und mich darin unterstützt haben ein solches Leben zu leben.

Und so sehr ich mit dem physischen Brechreiz zu kämpfen hatte, so deutlich wurde mir, dass Berlin ohne diese Begegnungen nicht Berlin wäre und dass es dazu gehört, regelmäßig mit der Realität konfrontiert zu werden und sie dankbar und demütig anzunehmen. Und selber jemand zu sein, der es Menschen ermöglicht ein selbstbestimmtes Leben zu führen und sie darin zu unterstützen.


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